Interview mit Stephan Schrader, Fortsetzung

Du spielst bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, warum gerade dort? Erst war ich stellvertretender Solocellist am Theater in Hannover. Da hatte ich wieder gekündigt, um mich freiberuflich durchzuschlagen. Später habe ich dann hier vorgespielt und es hat geklappt! Wie attraktiv die Stelle ist, wurde mir erst später bewusst: Wir sind nämlich nicht angestellt und ich habe Raum für meine solistischen, kammermusikalischen und pädagogischen Ambitionen.

Viele reden davon, dass eine bestimmte Stimmung im Orchester herrscht? Gibt es Zeiten wo diese schlechter wird? Wann sind die? Bei Kraftverschleiß! Für mein Gefühl wird es schwieriger, wenn die erste Führungsposition schwach besetzt ist: wenn ein Dirigent nicht souverän ist oder nicht wirklich zum Orchester passt, beziehungsweise wir zu ihm. Oder wenn in einem Projekt ohne Dirigent der leitende Solist oder Konzertmeister die Kunst des Führens auf Augenhöhe nicht beherrscht: dann sind wir in der Gefahr, dass das Rangeln anfängt, weil eben viele verschiedene, starke Persönlichkeiten im Orchester sind mit hohem Anspruch an ausgefüllte Arbeitszeit. Allerdings ist im Lauf der Jahre viel Gelassenheit dazu gekommen, die dann enorm hilft.

Was ich schnell gelernt habe ist, dass alle Musiker aus der Kammerphilharmonie ihr Orchester lieben und immer danach streben besser und besser zu werden!

Wenn du übst, wie übst du? Hast du ein bestimmtes System oder Technik? Ich muss zugeben, dass ich nicht mehr ganz so konsequent übe wie in Studienzeiten. Aber Tonleitern und Doppelgriffe bleiben unersetzbar. Ansonsten übe ich die schwierigen Passagen der Stücke, die in kommenden Konzerten anstehen, egal welche Art Konzerte das sind. Vor besonders herausfordernden Konzerten, wie vor 2 Jahren als ich einige Konzerte mit allen sechs Bach-Suiten an einem Abend hatte, mache ich mir einen ziemlich genauen Übeplan über Wochen oder Monate. Wenn ich mit meiner Loopmaschine ein neues Stück entwickele, fliegen die Stunden wie nichts. In freien Minuten vor einem Orchester-Auftritt tut es mir gut, an einem Satz aus den Bach-Suiten zu üben.

Du bist der Ansprechpartner der Schule im Orchester, was ist deine Aufgabe? Ich sollte bei der Kommunikation zwischen Büro und Musiker, und Kammerphilharmonie und Schule helfen. Dazu gehört, dass ich auf dem Laufenden bin, über den Stand kommender Projekte wie die Stadtteil-Oper und die Melodie des Lebens bescheid weiß. Wenn da Entscheidungen getroffen werden, steuere ich stellvertretend die Sicht des Orchesters bei. Andersrum können Kollegen von mir erwarten, dass ich ihnen Auskunft über Planungen und so weiter gebe. Ich helfe Besuche und Gegenbesuche zu koordinieren: Schüler kommen in Proben, Musiker gehen in Klassen. Und ich versuche, im Kontakt mit den Lehrern zu bleiben, so dass deren Kontakt zum Orchester nicht nur über das Büro laufen muss.

Du spielst nicht nur für das Orchester, sondern bist auch oft an anderen Projekten beteiligt, z.B. bei Solokonzerten, mit dem Cello-Loop und bei Trios. Ist das lustiger oder spannender als im Orchester zu spielen? Warum/warum nicht? Für mich gibt es zwei Aspekte. Zum Einen ist es Anteil an etwas Großem, Schönem zu haben. Es gibt kaum Schöneres als eine gut gespielte Brahms-Sinfonie zum Beispiel. Es ist oft beglückend, da dabei zu sein und kann ein ganz irres Gefühl sein, mit so vielen Menschen zusammen zu schwingen. Zum Anderen habe ich wie viele Musiker das Bedürfnis mit „meiner Stimme“ den Raum zu füllen oder anders gesagt: maßgeblich auf die Gestaltung der Musik Einfluss zu haben. Dieses Bedürfnis wird manchmal viel mehr befriedigt bei Kammermusik- oder Solo-Auftritten – selbst wenn das Niveau (des Stücks oder der Interpretation) vielleicht nicht besser ist. Außerdem ist der individuelle Kontakt zu den Hörern intimer, persönlicher. Die Herausforderung, wenn man allein auf der Bühne ist, kann aber auch sehr stressig werden! Ein weiterer Vorteil der Orchesterprojekte: häufig sind phantastische Solisten oder Dirigenten zu Gast; das ist ungeheuer anregend!

Hast du einen Lieblings Komponist-/in? Ja: fast immer der, von dem ich gerade ein Stück spiele!

Was war bis jetzt dein aufregendste und bestes Konzert mit der Kammerphilharmonie?

Hm – mir fällt nicht ein bestimmtes Konzert ein. Aber immer wenn es nicht überprobt ist und Spontanes passiert (ohne dass es aufgesetzt ist!). Oder – jetzt fällt mir doch ein bestimmter Moment ein: letzten Sommer in Tanglewood, wo der Konzertsaal sich hinter dem Publikum zu Park und Natur öffnet. Die herrlich frische Nachtluft strömte herein, während wir das erste Klavierkonzert und die zweite Sinfonie von Brahms spielten und ganz da hinten die Silhouette der Hügel und Bäume gegen den klaren Nachthimmel sehen konnten!

Wie findest du das Thema für die Stadtteil-Oper? Äußerst spannend! Avicenna war eine faszinierende Persönlichkeit, über die man im Allgemeinen viel zu wenig weiß. Gerade jetzt ist die Zeit, in der man sich erinnern sollte, wie sehr Geistes- und Kulturgeschichte von Orient und Okzident sich immer wieder gegenseitig befruchtet haben!

Was wirst du bei dieser Stadtteil-Oper machen? Im Orchester spiele ich Cello, darf den continuo-Part übernehmen, was bei Händels Musik eine Aufgabe ist, die ich besonders liebe. Außerdem werde ich verschiedenen Instrumentenklassen helfen beim Einüben ihrer Stücke.

Was gefällt dir besonders bei den Stadtteil-Opern? Die Arbeit an diesen Themen und das Mitwirken an den Stadtteilopern verschafft und stärkt das Identitätsgefühl. Auch für uns, aber besonders für die Schüler die ja meist mehrere Identitäten gleichzeitig haben. Zum Beispiel als Bremer, als Muslime, als Türkischstämmige, als Jugendliche, als Flötenschüler. Auch dass es ein Projekt ist, an dem so viele Menschen mitwirken, die nicht zur Schule oder dem Orchester gehören. Diese Art von Kulturarbeit fühlt sich richtig sinnvoll an!

Das Interview führte Emma Rahe

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